Hausgeburtsbegleitung in Engstingen & SüddeutschlandVertrauen Natürlichkeit Auf Augenhöhe
Saskia in einem orangefarbenen Sari
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Hebammenarbeit in Tamil Nadu

Tamil Nadu

„Zwischen Warten, Begegnungen und gelebter Fürsorge“

Ein persönlicher Rückblick auf Wochen in Tamil Nadu – auf Geburtshilfe, Gastfreundschaft, ungewohnte Wege und Momente, die bleiben.

Tamil Nadu, IndienNovember bis Dezember 2025

Begegnungen in Tamil Nadu

Während meiner Zeit in Tamil Nadu lernte ich konkrete Menschen, Einrichtungen und Arbeitsweisen kennen. Dieser Bericht beschreibt meine persönlichen Eindrücke aus einem begrenzten Zeitraum; er steht nicht stellvertretend für Indien, Tamil Nadu oder die dort lebenden Menschen. Ich erlebte große Gastfreundschaft und berührende Begegnungen – aber auch Situationen, die mich nachdenklich und betroffen machten.

Die Organisation vor Ort

Life for All

Während dieser Wochen arbeitete ich bei Life for All, einer gemeinnützigen Organisation in Indien. Nach eigenen Angaben bietet sie Frauen eine kostenlose und vertrauliche Schwangerschaftsberatung per Telefon und Chat. Schwangere in schwierigen Lebenssituationen können außerdem Schutz, Begleitung und praktische Unterstützung erhalten.

Das Jeevalaya Birthing Home ist Teil dieser Arbeit. Die Organisation beschreibt ihre Angebote als ein Netz praktischer Hilfe für unterschiedliche Lebensphasen:

  • Begleitung vor und nach der Geburt: praktische, emotionale und geistliche Unterstützung für Schwangere in Konfliktsituationen – in einer geschützten, familiären Umgebung.
  • Medizinische Versorgung und Geburt: Unterstützung bei Schwangerschaftsvorsorge, medizinischen Bedürfnissen und – wenn nötig – bei den Kosten einer Geburt oder eines Kaiserschnitts im Krankenhaus.
  • Pregnancy Helpline India: professionelle Beratung für Frauen und Paare, insbesondere bei ungeplanten Schwangerschaften und äußerem Druck.
  • Life Center 2.0: ein geschütztes Zuhause für Mütter und Kinder in den Hügeln von Kotagiri sowie Kinderbetreuung und Möglichkeiten zur Weiterbildung.
  • Long Life Center: Begleitung und Pflege älterer Menschen mit dem Ziel, ihnen ein Leben in Würde und Gemeinschaft zu ermöglichen.
  • Seminare und Begegnungen: Bildungsangebote an Schulen und Hochschulen sowie gemeinsame Veranstaltungen, die Raum für Gespräche und Austausch schaffen.

Die gemeinsame Arbeit gab vielen meiner Begegnungen und Erfahrungen in Tamil Nadu ihren unmittelbaren Rahmen.

Frauen sitzen gemeinsam auf den Stufen vor einem Gebäude
Viele Begegnungen fanden ganz selbstverständlich im gemeinsamen Alltag statt.

Die Gesichter der abgebildeten indischen Frauen sind in diesen Aufnahmen weichgezeichnet.

Eine Geburt, die ihren eigenen Weg fand

Ein Paar hatte sich sehr eine Hausgeburt gewünscht. Unter den Bedingungen vor Ort sollte ihr Kind schließlich in einem privaten Krankenhaus zur Welt kommen. Wir stellten den Kontakt zu einer kooperierenden Ärztin her und begleiteten die Familie zunächst zu Hause, damit sie die frühe Geburtsphase nicht im Krankenhaus verbringen musste.

Als die Eltern später in die Klinik fahren wollten, setzte die Geburt plötzlich mit großer Kraft ein. Der Vater legte den gemeinsam vorbereiteten Geburtsplan vor und setzte sich ruhig für die Wünsche seiner Partnerin ein. Für mich war es ein eindrücklicher Moment dafür, wie wichtig seine Stimme als Teil des Teams war: Gute Vorbereitung, eine klare Haltung und verlässliche Begleitung halfen beiden, ihren gemeinsam besprochenen Weg auch in einer herausfordernden Kliniksituation nicht aus den Augen zu verlieren.

Warten, Wege und viele Fragen

Ein großer Teil unserer Tage bestand aus Fahrten, Anmeldungen und langem Warten. Mit mehreren jungen Schwangeren fuhren wir zu einem Health Post und später zu weiteren Untersuchungen. Eine fehlende Notiz im Untersuchungsheft bedeutete vier Kilometer zurück, erneut warten und danach wieder von vorne beginnen. Aus einem Termin wurde schnell ein ganzer Tag.

Frauen, die früh in der Schwangerschaft registriert werden, erhalten dort einen Korb mit Lebensmitteln. Einige der von uns begleiteten Schwangeren bekamen diese Unterstützung jedoch nicht – etwa weil sie später gekommen waren oder die geforderten Angaben zu einem Ehemann nicht machen konnten. Gerade diejenigen, die besonders viel Unterstützung gebraucht hätten, fielen damit durch das vorgesehene Raster.

Wartebereich in einem Gesundheitszentrum
Menschen warten in einem Klinikflur
Untersuchungsraum in einer Klinik

Minderjährige Schwangere und fehlende Schutzräume

Unter den neu angekommenen Schwangeren waren auch Minderjährige. Manche waren ungeplant schwanger geworden, eine junge Frau nach sexualisierter Gewalt. Im übervollen Wartezimmer wurden ihnen vor anderen Menschen sehr persönliche Fragen gestellt. Ich erlebte, wie wenig Raum dort für Schutz, Rückzug und Würde blieb.

Solche Tage waren schwer auszuhalten. Gleichzeitig gab es kleine Gegenpole: gemeinsames Mehendi-Malen, das Klingeln der Armreifen und Momente, in denen trotz allem Nähe, Lachen und Gemeinschaft möglich waren.

Eine Hand mit kunstvoller Mehendi-Bemalung
Viele Schuhe vor einem gemeinsam genutzten Raum

Willkommen sein

Abseits der Kliniken erlebte ich bei den Familien, die ich besuchen durfte, große Gastfreundschaft. Wir trafen Tanten, Cousins, Schwestern und Freunde und verbrachten viel gemeinsame Zeit miteinander. Meine Beobachtungen beziehen sich auf diese persönlichen Begegnungen und lassen sich nicht auf andere Familien oder Lebensweisen übertragen.

Die Wege waren teilweise lang; für sechzig Kilometer brauchten wir einmal dreieinhalb Stunden. Dazwischen gab es gemeinsame Mahlzeiten, Fußball und viele Gespräche. Besonders in Erinnerung blieb mir, wie selbstverständlich Zeit und das Vorhandene miteinander geteilt wurden.

Saskia und zwei Frauen in farbenfrohen Saris
Farben, Gastfreundschaft und gemeinsame Zeit prägten viele Tage.

Eine Segensfeier für die Schwangeren

Für sechs schwangere Frauen veranstalteten wir eine Bangle Function – eine Segensfeier, wie sie in verschiedenen Regionen und Familien Indiens unterschiedlich gestaltet wird. Wir sprachen gute Wünsche aus, bemalten die Gesichter mit Sandelholzpaste, streiften den Frauen Armreifen über und reichten fünf verschiedene Reisgerichte und Süßigkeiten.

Das Klappern und Klingeln der Armreifen gehörte schon vorher zu meinem Alltag. An diesem Tag wurde es zum Klang einer Feier. Die Frauen haben sich unglaublich gefreut. Es war einer dieser hellen Momente, in denen Fürsorge ganz unmittelbar spürbar wird.

Frauen sitzen für die Segensfeier im Kreis
Viele mit Armreifen geschmückte Hände bilden einen Kreis
Blüten und Speisen während der Segensfeier

Elefanten in der Nacht

Kurz vor meiner Abreise wurden wir nachts von Sirenen, Rufen und lauten Knallern geweckt. Zwei Elefanten hatten den Zaun des Campus durchbrochen. Einer blieb unten stehen, der andere lief bis zum Gebäude, in dem die Frauen schliefen. Er riss eine Kokospalme um, knickte Bambus, beschädigte eine Tür und nahm einen Sack Reis mit.

Am nächsten Morgen erzählten Spuren, die umgeknickte Palme und der fehlende Zaun davon, was in der Dunkelheit geschehen war. So eindrücklich die Bilder waren – die Größe und Kraft dieses nächtlichen Besuchs konnten sie kaum wiedergeben.

Zwischen Abschied und Ankommen

Je näher die Rückreise rückte, desto mehr freute ich mich auf zu Hause. Und gleichzeitig wusste ich: Es war gut, hier gewesen zu sein. Diese Wochen waren bunt und widersprüchlich, manchmal leicht, manchmal schwer. Sie haben mir einmal mehr gezeigt, wie unterschiedlich die Bedingungen rund um Schwangerschaft und Geburt sein können – und wie wichtig menschliche Nähe, Respekt und verlässliche Begleitung überall sind.

Eine Mutter hält ihr Baby geborgen auf dem Arm
Ein Baby wird behutsam gebadet

Weitere Einblicke

Bilder aus meiner Arbeit und von unterwegs.

Auf der Bilderseite findest du weitere persönliche Momente aus der Hebammenarbeit, aus Sambia und aus Tamil Nadu.

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