Begegnungen in Tamil Nadu
Während meiner Zeit in Tamil Nadu lernte ich konkrete Menschen, Einrichtungen und Arbeitsweisen kennen. Dieser Bericht beschreibt meine persönlichen Eindrücke aus einem begrenzten Zeitraum von insgesamt fünf Monaten; er steht nicht stellvertretend für Indien, Tamil Nadu oder die dort lebenden Menschen. Ich erlebte große Gastfreundschaft und berührende Begegnungen – aber auch Situationen, die mich nachdenklich und betroffen machten.
Die Organisation vor Ort
Life for All
Während meiner Zeit in Tamil Nadu arbeitete ich bei Life for All, einer gemeinnützigen Organisation in Indien. Nach eigenen Angaben bietet sie Frauen eine kostenlose und vertrauliche Schwangerschaftsberatung per Telefon und Chat. Schwangere in schwierigen Lebenssituationen können außerdem Schutz, Begleitung und praktische Unterstützung erhalten.
Frauen können sich während der Schwangerschaft und nach der Geburt an die Organisation wenden, um ein neues Zuhause für sich und ihre Kinder zu finden. Wenn sie es wünschen, kann dieses Zuhause auch innerhalb der Organisation sein. Alternativ erhalten sie Unterstützung bei der Suche nach einem neuen Zuhause außerhalb der Organisation.
Das Jeevalaya Birthing Home ist Teil dieser Arbeit. Die Organisation beschreibt ihre Angebote als ein Netz praktischer Hilfe für unterschiedliche Lebensphasen:
- Begleitung vor und nach der Geburt: praktische, emotionale und geistliche Unterstützung für Schwangere in Konfliktsituationen – in einer geschützten, familiären Umgebung.
- Medizinische Versorgung und Geburt: Unterstützung bei Schwangerschaftsvorsorge, medizinischen Bedürfnissen und – wenn nötig – bei den Kosten einer Geburt oder eines Kaiserschnitts im Krankenhaus.
- Pregnancy Helpline India: professionelle Beratung für Frauen und Paare, insbesondere bei ungeplanten Schwangerschaften und äußerem Druck.
- Life Center 2.0: ein geschütztes Zuhause für Mütter und Kinder in den Hügeln von Kotagiri sowie Kinderbetreuung und Möglichkeiten zur Weiterbildung.
- Long Life Center: Begleitung und Pflege älterer Menschen mit dem Ziel, ihnen ein Leben in Würde und Gemeinschaft zu ermöglichen.
- Seminare und Begegnungen: Bildungsangebote an Schulen und Hochschulen sowie gemeinsame Veranstaltungen, die Raum für Gespräche und Austausch schaffen.
Die gemeinsame Arbeit gab vielen meiner Begegnungen und Erfahrungen in Tamil Nadu ihren unmittelbaren Rahmen.

Warten, Wege und viele Fragen
Ein großer Teil unserer Arbeit bestand aus Fahrten, Anmeldungen und langem Warten. Wir begleiteten die jungen Schwangeren zu den Pflichtuntersuchungen und unterstützen sie bei Behördengängen. Aus einer kurzen Angelegenheit wurde oft ein langer Tag mit gefühlt unendlichem Warten. Die meisten von uns begleiteten Schwangeren erhielten keine der staatlichen Unterstützungen, weil sie unverheiratet waren. Gerade diejenigen, die besonders viel Unterstützung gebraucht hätten, fielen damit durch das vorgesehene Raster.



Minderjährige Schwangere und fehlende Schutzräume
Unter den neu angekommenen Schwangeren waren auch Minderjährige. Manche waren ungeplant schwanger geworden, eine junge Frau nach sexualisierter Gewalt. Im übervollen Wartezimmer wurden ihnen vor anderen Menschen sehr persönliche Fragen gestellt. Ich erlebte, wie wenig Raum dort für Schutz, Rückzug und Würde blieb.
Solche Tage waren schwer auszuhalten. Gleichzeitig gab es kleine Gegenpole: gemeinsames Mehendi-Malen, das Klingeln der Armreifen und Momente, in denen trotz allem Nähe, Lachen und Gemeinschaft möglich waren.


Willkommen sein
Abseits der Kliniken erlebte ich bei den Familien, die ich besuchen durfte, große Gastfreundschaft. Wir trafen Tanten, Cousins, Schwestern und Freunde und verbrachten viel gemeinsame Zeit miteinander. Meine Beobachtungen beziehen sich auf diese persönlichen Begegnungen und lassen sich nicht auf andere Familien oder Lebensweisen übertragen.
Die Wege waren teilweise lang; für sechzig Kilometer brauchten wir einmal dreieinhalb Stunden. Dazwischen gab es gemeinsame Mahlzeiten und viele Gespräche.


Eine Segensfeier für die Schwangeren
Für sechs schwangere Frauen veranstalteten wir eine Bangle Function – eine Segensfeier, wie sie in verschiedenen Regionen und Familien Indiens unterschiedlich gestaltet wird. Wir sprachen gute Wünsche aus, bemalten die Gesichter mit Sandelholzpaste, streiften den Frauen Armreifen über und reichten fünf verschiedene Reisgerichte und Süßigkeiten.
Das Klappern und Klingeln der Armreifen gehörte schon vorher zu meinem Alltag. An diesem Tag wurde es zum Klang einer Feier. Die Frauen haben sich unglaublich gefreut. Es war einer dieser hellen Momente, in denen Fürsorge ganz unmittelbar spürbar wird.



Elefanten in der Nacht
Kurz vor meiner Abreise wurden wir nachts von Sirenen, Rufen und lauten Knallern geweckt. Zwei Elefanten hatten den Zaun des Campus durchbrochen. Einer blieb unten stehen, der andere lief bis zum Gebäude, in dem die Frauen schliefen. Er riss eine Kokospalme um, knickte Bambus, beschädigte eine Tür und nahm einen Sack Reis mit.
Am nächsten Morgen erzählten Spuren, die umgeknickte Palme und der fehlende Zaun davon, was in der Dunkelheit geschehen war. So eindrücklich die Bilder waren – die Größe und Kraft dieses nächtlichen Besuchs konnten sie kaum wiedergeben.
Zwischen Abschied und Ankommen
Je näher die Rückreise rückte, desto mehr freute ich mich auf zu Hause. Und gleichzeitig wusste ich: Es war gut, hier gewesen zu sein. Diese Wochen waren bunt und widersprüchlich, manchmal leicht, manchmal schwer. Sie haben mir einmal mehr gezeigt, wie unterschiedlich die Bedingungen rund um Schwangerschaft und Geburt sein können – und wie wichtig menschliche Nähe, Respekt und verlässliche Begleitung überall sind.




